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Psychische Belastung durch Dienstunfall, Posttraumatische Belastungsstörung

Erst seit einigen Jahren setzt sich die Erkenntnis durch, dass sich durch einen Dienstunfall auch ohne Verletzung der körperlichen Integrität schwerwiegende psychische Beeinträchtigungen ergeben können.
Stichworte: "Posttraumatische Belastungsstörung", "Posttraumatisches Stresssyndrom" und ähnliche.

Das Problem der Feststellung und Bewertung psychischer Dienstunfallfolgen hat in einigen Fällen die Gesetzgeber auf den Plan gerufen. Es gibt Normen, die Beweisfragen ansprechen und im Hinblick auf psychische Dienstunfallfolgen Beweiserleichterungen vorsehen.
Dazu zählen wir zum Beispiel Die Einsatzunfallverordnung des Bundes Das Hamburgische Beamtenversorgungsgesetz, dort § 34 Abs. 6

Rechtsprechung zur PTBS als Dienstunfallfolge


Richtungweisend war ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 29.10.09 - 2 C 134.07 -. Es ging um einen Amoklauf an einer Schule.
Kann ein Lehrer einen Dienstunfall erlitten haben, obwohl er während der Gewalttat gar nicht anwesend war, dann aber mit den schrecklichen Folgen konfrontiert wurde?
Hier wurde in der Rechtsprechung ein neuer Akzent gesetzt.

Man beginnt jedenfalls allgemein, die Posttraumatische Belastungsstörung als mögliche - und schwerwiegende - Dienstunfallfolge zu akzeptieren.

Der Streit verlagert sich dann aber im Einzelfall auf die Frage, welches Beschwerdebild genau vorliegt und wo die Gründe liegen mögen. Liegen die Ursachen in der erlebten Unfallsituation oder in der Person des Beamten oder der Beamtin?
In der früheren Lebensgeschichte, im persönlichen Bereich?

Einen Eindruck von der Problematik vermittelt eine Entscheidungdes Bayerischen VGH. Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Beschluss vom 29.07.14 - 14 ZB 13.2585 - Es geht um die Frage, ob eine Depression in Wirklichkeit eine PTBS und ob diese ursächlich auf einen Auslandseinsatz eines Polizeibeamten in Afghanistan zurückzuführen ist.

Abgesehen von Fragen der Dienstbezogenheit gibt es bei der Anerkennung psychischer Folgen wie PTBS immer wieder Meinungsverschiedenheiten.
Über die Jahre haben sich die Auffassungen der Gerichte und auch die medizinischen Meinungen geändert.
Es gibt im Wesentlichen zwei Grundkonzepte zu Fragen der Posttraumatischen Belastungsstörung, die in Deutschland häufig angewandte ICD und das amerikanisch geprägte DSM.
Eine leider sehr trockene Einführung in medizinische Grundlagen finden Sie hier.


Psychische Probleme von Lokführern nach Dienstunfällen


Nicht viele Berufsstände hatten es in diesem Zusammenhang so schwer wie die Lokführer.
Nehmen Sie als Beispiel zum Einstieg eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Münster vom 28.09.06, Az.: 11 K 2651/04:

"Leidet ein Lokführer aufgrund mehrerer Dienstunfälle an einer posttraumatischen Belastungsstörung, welche durch ein medizinisches Gutachten bestätigt wird, steht ihm grundsätzlich ein Anspruch auf Kostenübernahme für eine Heilkur zu."

Ein Lokführer hatte zwischen 1975 und 2002 mehrere dramatische Unfälle erlebt.
Anfang 2003 begab er sich wegen zunehmender psychischer Beschwerden in die Behandlung einer Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. In deren Bericht über die Untersuchung und Behandlung des Beamten heißt es u. a.: "In der Anamneseerhebung werden Belastungsfaktoren durch die berufliche Situation erkennbar. So berichtet Herr W. über drei Suizide auf der Bahnstrecke ... Diese Zwischenfälle seien ihm heute noch sehr lebendig, er sehe die Ereignisse vor sich, träume davon, könne die Bilder nicht abschalten ... Aus psychiatrischer Sicht handelt es sich um eine posttraumatische Belastungsstörung im Sinne einer verzögerten und/oder protrahierten Reaktion auf belastende Ereignisse oder Situationen in der Lebensgeschichte des Betroffenen, die eine nachhaltige seelische Störung hervorgerufen haben ... Die Durchführung einer psychosomatisch- psychotherapeutischen Rehabilitationsmaßnahme erscheint ... unbedingt angezeigt."

Der Lokführer musste sich eine Heilbehandlung dann aber erst vor Gericht erstreiten.

Das VG Münster meint:
"Entgegen der Auffassung der Beklagten waren die durchgeführten Heilverfahren dienstunfallbedingt erforderlich, weil sie der Therapie einer posttraumatischen Belastungsstörung des Klägers dienten, die aus von ihm namentlich in den Jahren 1993, 1996 und 1997 erlittenen - anerkannten - Dienstunfällen resultiert (vgl. § 31 Abs. 1 Satz 1 BeamtVG).
Dies ergibt sich zur Überzeugung des Gerichts aus einer Gesamtschau der von den den Kläger behandelnden Ärzten und Therapeuten - überwiegend unabhängig vom vorliegenden Verfahren - erhobenen Befunde und verfassten Behandlungsberichte. Die von den Vorgenannten getroffenen Feststellungen sind nach Auffassung des Gerichts schlüssig, nachvollziehbar und frei von durchgreifenden Bedenken. Zudem beruhen die genannten Berichte und Stellungnahmen zum Teil auf mehrwöchigen bzw. mehrmonatigen Behandlungen und Beobachtungen, basieren im Gegensatz zu den Feststellungen von Frau Dr. L. also nicht lediglich auf einer Momentaufnahme. Vor diesem Hintergrund vermögen deren Stellungnahmen das Gericht insgesamt nicht zu überzeugen. Dessen ungeachtet leidet die Stellungnahme von Frau Dr. L. vor allem aber auch daran, dass sie offenbar davon ausgeht, eine dienstunfallbedingte posttraumatische Belastungsstörung lasse sich im Falle des Klägers schon wegen des erheblichen zeitlichen Abstandes zwischen den Unfällen - vor allem demjenigen aus 1996 - und dem Auftreten der psychischen Erkrankung nicht begründen. Ungeachtet des Umstandes, dass diesbezüglich schon im Entlassungsbericht der Klinik C1. vom 01.07.03 ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, dass die Entwicklung der beim Kläger vorhandenen posttraumatischen Belastungsstörung schon 1993 begonnen habe, ist in der psychotherapeutischen Medizin und Psychosomatik anerkannt, dass die Symptomatik einer posttraumatischen Belastungsstörung auch mit zum Teil mehrjähriger Verzögerung nach dem traumatischen Geschehen auftreten kann.
Vgl. die gemeinsamen „Leitlinien Psychotherapeutischen Medizin und Psychosomatik" der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapeutische Medizin, der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie, des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin, der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie und der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (Stand: 2006).
Soweit Frau Dr. L. ferner noch die Auffassung vertritt, dass gegen einen Zusammenhang der psychischen Erkrankung des Klägers „mit dem Unfall" auch deren Verlauf nach Beginn der Behandlung spricht, weil die Therapie den Zustand des Klägers noch ganz erheblich verschlechtert habe, kann dem ebenfalls nicht gefolgt werden. Ungeachtet aller weiteren Zweifelsfragen in diesem Zusammenhang entspricht es schon allgemeiner Lebenserfahrung, dass nicht jede Therapie umgehend zum gewünschten Behandlungserfolg führt, sich der Gesundheitszustand u. U. sogar noch verschlechtern kann. Der Klage ist hiernach stattzugeben."

Wie Sie an dem Urteil deutlich sehen, ist auch in Fällen dieser Art durch medizinisches Sachverständigengutachten abzugrenzen zwischen schon bestehendem Leiden oder besonderer Leidensbereitschaft einerseits und unfallbedingter Beeinträchtigung andererseits.
Auch hier geht es also um Fragen der Kausalität.
Was ist die wesentliche Teilursache?


Ähnlich schwerwiegende Folgen wie in dem vorgestellten Beispiel des Lokführers können sich ergeben bei Schusswaffengebrauch durch Polizeibeamte, Auseinandersetzungen mit einem bewaffneten Rechtsbrecher, dramatischen Einsätzen der Feuerwehrbeamten ...
In der Fachliteratur (z.B. ICD-10) finden Sie genauere Beschreibungen der posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10 unter F43.1) oder der andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10 unter F62.0).

Die Bemessung der Schädigungsfolgen (MdE, GdS)


Oft halten es sogar Gutachter für schwierig, die Höhe des Grades der Schädigungsfolgen (GdS) infolge einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zu beurteilen. Auf einer Konferenz im März 2006 wurden u. a. von 40 Polizeiärzten aus unterschiedlichen Bundesländern Auswirkungen von schweren, potenziell traumatisierenden Belastungen auf die Polizeidienstfähigkeit und die allgemeine Dienstfähigkeit diskutiert. Es wurde eine „Bad Pyrmonter Klassifikation von psychischen Traumafolgen“ erarbeitet, die sich als eine Hilfestellung versteht und zur Vereinheitlichung der gutachterlichen Einschätzung eines Grades der Schädigungsfolgen bei einer PTBS dienen möchte.
Ein Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts vom 19.08.14 (2 B 43.14) befasst sich mit der Bedeutung der sog. Bad Pyrmonter Klassifikation für Bemessung der MdE bei PTBS.

Die Bad Pyrmonter Klassifikation ist aber keinesfalls unumstritten.

Kontrovers diskutierte Fälle


Aufsehen hat eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Düsseldorf erregt, in der es darum ging, dass einem Beamten eine Email mit einem abstoßenden Foto als Inhalt zugesandt worden war.

Das Verwaltungsgericht Düsseldorf entschied in einem Urteil vom 02.11.10 - 23 K 5235/07 -:

1. Das Öffnen einer E-Mail und eines Dateianhangs, die ihm im Dienst auf dienstlichen Computern von seinem Vorgesetzten geschickt worden war, durch einen Polizisten ist ein plötzliches, auf äußerer Einwirkung beruhendes, in zeitlicher und örtlicher Hinsicht bestimmbares Ereignis, das in Ausübung des Dienstes eingetreten ist.
2. Eine psychische Erkrankung kann ein Körperschaden i.S.d. § 31 Absatz 1 BeamtVG sein.
3. Einzelfall, in dem das Gericht aufgrund eines Sachverständigengutachtens zu dem Ergebnis kam, dass bei dem Beamten durch eine ihm durch seinen Vorgesetzten zugesandte E-Mail mit Dateinanhang sexuellen Inhalts, die in einer abstoßenden Bilddarstellung weiblicher Geschlechtsorgane gipfelte, eine Zwangsstörung mit vorwiegend Zwangsgedanken (ICD 10: F 42.0) wesentlich verursacht worden ist.

Bekannt wurden weitere Fälle, in denen Beamte den Verlauf eines Personalgesprächs (VG Stuttgart, Urteil vom 09.04.14 - 12 K 998/13 -, VG Bayreuth, Urteil vom 11.11.14 - B 5 K 12.947) bzw. die Mitteilung des Ergebnisses einer medizinischen Untersuchung (VG Schleswig, Urteil vom 08.01.15 - 12 A 79/14) als Unfallgeschehen anerkannt sehen wollten.

In Mobbingfällen werden wir nicht tätig.


Besondere Schwierigkeiten in der Bewertung bereiten psychische Störungen infolge von "Mobbing".
In Mobbingfällen werden wir nicht tätig.

Beamtenrecht / Übersicht Beamtengesetze
Dienstunfall / Übersicht
Gesetze / Verordnungen Beamtenversorgungsgesetz Bund Beamtenversorgungsgesetz FHH Beamtenversorgungsgesetz NS Beamtenversorgungsgesetz SH Einsatzunfallverordnung Bund VV Einsatzunfallverordnung EinsatzWeiterverwendungsG
Grundlagen des Dienstunfallrechts Was ist ein Dienstunfall? Verletzung der Psyche Generell zumutbare Belastungen? Berufskrankheit Abgrenzung Unfall / Krankheit Berufskrankheit durch Tonerstaub? Berufskrankheitenverordnung
Geschützter Bereich Dem Dienst zuzurechnen? BVerwG 2014: Privatsphäre Klassenreise / Bierzeltbesuch Lehrerin im Schullandheim "Lehrersport", Sportgruppen Lösung vom Dienst / Beispiel Umtrunk unter Kollegen Sozialrecht: Raucherpause Dienstunfall und Alkohol im Arbeitszimmer zu Hause
WegeunfallWegeunfall Unterbrechung des Weges längere Pause Schleichweg ohne Schutz Umwege ohne Schutz Unfall auf Dienstreise
Anerkennung des DU Dienstunfallmeldung / Fristen Bundesverwaltungsgericht VG Berlin 17.11.15 Untersuchungsanordnung Anerkennung durch Bescheid
Problem Kausalität Kausalität Bundesverwaltungsgericht VG Darmstadt Diagnosesysteme ICD und DSM
Unfallfürsorge: Leistungen Dienstunfallfürsorge Unfallausgleich Bemessung der MdE Bad Pyrmonter Klassifikation Dienstunfallruhegehalt Unfallruhegehalt Polbeamter Unfallruhegehalt/ Kausalität BVerwG: Kausalität Ansprüche gegen Dritte
Qualifizierter Dienstunfall Qualifizierter Dienstunfall Qualifizierung wg. Lebensgefahr Kenntnis von Lebensgefahr Kenntnis: BVerwG 08.02.17 Feuerwehreinsatz / PTBS "normaler" Feuerwehreinsatz Autobahneinsatz Polizei Sonderrechtsfahrt Verfolgungsfall SEK Lebensgefahr verneint Qualifizierung: tätlicher Angriff Angriff auf Beamten Lebensgefahr nicht Bedingung Angriff mit Scheinwaffe mit Schreckschusswaffe Angriff durch Hunde? Schüler greift Lehrer an Fußballspiel mit Schülern Vergeltungsangriff / PTBS Höhere Unfallfürsorgeleistungen erhöhtes Unfallruhegehalt mehrere Dienstunfälle? Unfallentschädigung
Dienstunfall: Beispiele Achillessehne, Riss Auffahrunfall/ HWS Impfschaden Mobbing: kein "Unfall?" Wespenstich Zeckenbiss

Diese Fragen beschäftigen uns auch in Strafverfahren bei der Betreuung von Opfern schwerer Gewalttaten und im Sozialrecht (OEG - Opferentschädigungsgesetz).